Kinderjahre meiner Mutter

Kinderjahre meiner Mutter

17. November 1991

Heute ist ein sehr glücklicher Tag für mich, ich trete eine 3 wöchige Kur in Bad Hofgastein an und bin restlos begeistert, erstens weil ich ein Zimmer für mich alleine habe und nach Herzenslust meinen Hobbys fröhnen kann. Lesen, Handarbeiten, spazieren gehen, Radio hören, auf niemanden muss ich Rücksicht nehmen. Einfach SPITZE!

Christl meine beste Freundin und Vertraute hat mich mit dem Auto hereingebracht. Wir tranken noch ein 1/8erl zusammen, dann fuhr sie wieder zurück nach B‘hofen, wo schon ein herrlicher Kalbsbraten auf die Fertigstellung wartete. “Guten Appetit“!

Auch ich habe gerade die erste Mahlzeit eingenommen, es war sehr gut. Wildragout auf Jägerart mit Spätzle, Eis – die Gefahr ich werde zunehmen.

So, dies musste ich zu Anfang schreiben, weil mich alles so beglückt. Wenn ich zum Fenster hinaus schaue, alles weiss, die Bäume sind angezuckert, der Park ist mit einer weissen Decke überzogen. Schöne Stimmung.

Im übrigen hoffe ich, dass ich in den 3 Wochen die Muse finde einiges aus meinem Leben zu erzählen.

Eigentlich kann ich mir ja gar nicht vorstellen, dass es Dich oder irgend jemand interessieren könnte wie das Leben deiner Mutter / Grossmutter so verlaufen ist.

Es ist schon eine grosse Anstrengung, die du von mir verlangst. Weisst ich habe schon so lange nichts mehr geschrieben und dann die alte Zeit, längst Vergangenes wieder hervorholen, das ist nicht so leicht.

Wie beginne ich nun? Ja am besten bei unserer Geburt, unsere deshalb, ich kam nicht alleine sondern mit meiner Zwillingsschwester Anni auf diese bucklige Welt.

Also geboren in Annaberg, Heiligenstadl am 24. Juli 1924 ein richtiges Sommerkind.

Unsere Mutter, “eine Perle“ hat uns beide neun Monate gestillt. Ich kann mir gar nicht vorstellen wie das nur ging, wo doch so eine Armut herrschte und Essen nur klein geschrieben wurde. Vater war Hafnermeister (Ofensetzer) der aber meistens arbeitslos war, weil die Leute kein Geld hatten so eine Arbeit zu bezahlen.

Trotzdem war unsere Kinderzeit herrlich, wir wuchsen so frei und unbeschwert auf. Die meiste Zeit verbrachten wir im Wald, wo wir Baumhäuser bauten, sogar ein Bergwerk hatten wir, wo wir wunderschöne Steine fanden und unserer Fantasie freien Lauf liessen.

Wir bauten überhaupt viel Luftschlösser meine Schwester und ich, wahrscheinlich deshalb um aus unserer Armut heraus zu kommen. Meistens hatten wir dann ein Geschäft, oder auch eine Schutzhütte oder wir kurvten mit dem Wohnwagen durch die Welt. (Eine Schutzhütte wurde es im späteren Leben ja dann wirklich) aber davon später.

Natürlich wollten wir unser Eltern die wir sehr liebten finanziell unterstützen, leider blieb das immer nur ein Traum, wir hatten immer selber zu kämpfen.

1930 wurden wir eingeschult, es war ein Alptraum, wenn man so arm ist wird man am Anfang schon abgestempelt. Wir hatten es sehr schwer. Wir hatten eine 2 klassige Volksschule die in 8 Abteilungen aufgeteilt war. Viele Bauernkinder die einen weiten anstrengenden Weg zu bewältigen hatten waren in unserer Schule.

Besonders im Winter war dies ganz schlimm, oft kamen sie total durchnässt und steif gefroren in der Schule an. Um den Kachelofen herum wurde dann halt einige Sachen getrocknet. Oft bin ich mit einer Schulkameradin auf deren Bauernhof den weiten Weg mitgegangen, schon weil es ein gutes Butterbrot oder eine Milchfarfel gab, oder es kam eine grosse Pfanne mit einem Polentakoch auf den Tisch, natürlich mit Milch gemacht und in der Mitte ein Loch mit brauner Butter darin. Wenn ich jetzt darüber schreibe, läuft mir noch das Wasser im Mund zusammen.

Wenn bei uns zu Hause die Not am grössten war, wurde immer schweren Herzens meiner Mutter, eines der Kinder ausgestiftet. Mein Bruder war beim Langfeldbauer, der hatte einen steilen und sehr weiten Schulweg, aber man war gut zu ihm. Aber, heim von der Schule, umziehn und bei der Arbeit helfen – oft wurde dann erst bei der Petroleumfunsel die Aufgabe gemacht – aber es ging auch den eigenen Kindern nicht besser.

Ich hatte es da bei weitem besser, ich kam zum Dörlbauer, dieser war auch Bürgermeister und es ging mir wirklich gut dort! Natürlich musste ich auch arbeiten, aber es machte mir Spass, Stall ausmisten … einmal hab ich wohl mit der Mistgabel den Stier ein wenig gestochen, er schlug aus und ich landete auf der anderen Seite zwischen den Kühen. Eine Woche hatte ich ein geschwollenes Gesicht.

Das Essen beim Bauern war prima und ich bekam eine gute Pause mit in die Schule von der natürlich auch meine Schwester immer was abbekam, von zu Hause bekam sie ja nur ein Stückl Brot mit. Bei mir gab‘s Butter oder Speckbrot, ich muss dies erwähnen, weil wir dies daheim überhaupt nicht hatten und es für mich oder uns ganz etwas einmaliges war.

Am Abend nach dem Essen knieten wir alle um den runden Tisch herum und wir mussten den Rosenkranz beten, der wurde aber so herunter geleiert, ich glaub, da hat keiner den Sinn verstanden.

Alle waren müde und es ging ein Gähnen durch den Raum. In der Früh musste ja jeder zeitig aufstehen, im Sommer um 3 Uhr und im Winter um halb 5 Uhr Früh!

Es gab ja noch keine Maschinen und alles musste händisch gemacht werden.

Zur Schule muss noch gesagt werden, der Schulweg vom Bauern war natürlich viel lustiger als der von zu Hause, da er länger war (eine halbe Stunde) und immer mehrere Kinder zum herumalbern unterwegs waren. Von zu Hause gingen wir nur 5 Minuten.

Wenn Vater wieder Arbeit hatte und es nur ein wenig besser war, durfte ich wieder heim. Es war jedes mal eine gewaltige Umstellung, denn da war wieder Schmalhans Küchenmeister. Morgens gab‘s Polenta, aber ohne Butter, trotzdem schmeckte er uns gut.

Wir wurden wenigstens satt davon, gab‘s aber mal nur ein Brot, waren wir den ganzen Tag hungrig und machten unsere beste Mutterverrückt indem wir immer wieder um ein Stück Brot bettelten.

Eines wird mir auch immer in Erinnerung bleiben.

Meine Eltern waren trotz ihrer Armut bei allen Leuten im Dorf und der Umgebung gut angesehen. Vater war sehr lustig, konnte gut singen und wurde oft, zum Verdruss meiner Mutter, auf dem Heimweg abgefangen und wir mussten ihn leider zu oft aus dem Wirtshaus heim holen. Nicht jedes mal ging er mit, dann waren wir traurig und Mutter auch.

Vater brauchte zwar wenig Geld weil die “Saufbrüder“ auch meist bezahlten, trotzdem war es schlimm, da zu Hause jeder Groschen fehlte.

Aber wir liebten ihn trotz seiner Fehler. 

Vater konnte wunderbare Märchen erzählen, alles selbst erdichtete, sogar die Nachbarkinder kamen und horchten mit offenem Mund undKulleraugen zu. Vater hatte für jeden der Kinder einen eigenen Namen.Einer war der Tiger von Paskovillo, ein anderer der Ratschkathl Rüapi, die Anni war das feinzig Nanei und ich war das Wuli Wuli. So hatten wir unseren Spass und wir wurden sehr geliebt!

Wenn die Weihnachtszeit kam, da war alles voller Geheimnisse. Wir hatten so ausgestopfte Puppen mit einem Blechkopf darauf, da nähte Mutter immer neue Kleider aus alten Sachen, die Puppenbettstatt wurde frisch bezogen und wenn es dann soweit war und das Glöcklein läutete, waren wir sprachlos und stolz über unsere neuen Puppensachen, über den schönen Christbaum, den der Vater natürlich heimlich aus dem Wald holte.

Leider war auch immer ein kleiner Wermutstropfen  dabei, denn meine Schwester und ich waren meistens bei guten Leuten am Hl. Abend eingeladen. So feierten wir zu Hause etwas früher, sangen wunderbar andächtig unser schönstes Weihnachtslied “Stille Nacht Heilige Nacht“ – dann aber mussten wir gehen obwohl wir so gerne geblieben wären und gespielt hätten.

Als wir bei den Leuten ankamen, war uns immer sehr weinerlich zu mute. Mutter hat uns noch fest eingetrichtert, nur ja nicht bitten und danken zu vergessen.

Endlich sassen wir alle um den Tisch, meistens eine grosse Familie, wo es auf zwei so hungrige Mäuler auch nicht mehr ankam.

Unsere Augen wurden gross und der Mund wässrig als wir die riesen Schüssel Dunk (Schlag) sahen die auf den Tisch kam, dazu ein Schlögel (rockener Nudel) in Scheiben geschnitten wurden dann immer Stückerl auf die Gabel gesteckt und in die Dunk (Schlag) gedunkt. Das schmeckte wunderbar und wir assen so viel nur ging, meistens wurde uns ja schlecht, aber was machte das schon, wenn man sich einmal an so guten Sachen satt essen konnte. Nachher gingen wir rauchen, da wurde viel gebetet und in jede Kammer wurde ein weihnachtlicher Hauch von Weihrauch eingelassen, es sollte Glück und Gesundheit für‘s ganze Jahr bringen.

Wir gingen auch in den Stall zu den Kühen und Hühnern und uns gruselte da immer ein wenig, man sagte ja, dass die Viecher in der heiligen Nacht reden könnten.

Als dies alles vorbei war, kam auch bei unseren Gastgebern das Christkind: es war schön und wir sangen auch und wir bekamen kleine Geschenke. Aber zu Hause in dem ärmlichen Zimmer in dem zwei Betten, ein Schubladenkasten, darauf ein Gläserkastl, ein Gitterbett und in der Mitte ein Tisch auf dem nun für viele Wochen der schönste Christbaum stand. Darum herum lagen die bescheidenen selbst gemachten Geschenke. Einmal war auch eine Puppenküche dabei und wir flippten vor Begeisterung fast aus.

Ja, so war es damals, wir waren trotz unserer Armut sehr glücklich weil wir so gute liebevolle Eltern hatten.

Am Weihnachtstag waren wir natürlich auch bei einem Bauern zum Weihnachtsbraten eingeladen.

Ich erinnere mich noch daran, wie schnell die Leute nach dem Festgottesdienst nach Hause gingen um nur ja nichts von dem Festschmaus zu versäumen. Da kam eine grosse Rain auf den Tisch und jeder versuchte den besten brocken zu erwischen, man musste sich schon beeilen, sonst kam man zu kurz. Es gab ja nicht oft Fleisch. Zwei mal im Jahr wurde meistens geschlachtet. Dann wurde Speck eingesalzen zum räuchern, dazu gab‘s die alten Rauchkuchln, die ganz schwarz waren – aber es roch dort wunderbar nach Speck. Heute kann man sich all die guten Gerüche und die Vorfreude mal so einen guten Happen zu erhaschen, gar nicht mehr vorstellen. Es wurden auch Haussulzen und Würste gemacht.

Zu Heiligen drei Könige wurden wir wieder eingeladen, da gab‘s Fleischkrapfen mit Honigbutter übergossen. Das war eine sehr üppige aber unvorstellbare Köstlichkeit.

Ja so gingen die Jahre in immer währender Wiederholung vorüber.

Meine Schwester und ich mussten oft zu den Bauern Milch, Brot oder ein bisschen Butter betteln gehen, da sind wir oft im Wald gesessen und haben geweint, weil es uns so zuwider war. Dabei waren die Leute immer so nett, wir bekamen meistens ein Butterbrot und Milch zu trinken.

Und so ging halt auch diese unbeschwerte, manchmal aber harte und ärmliche Kinderzeit vorbei.

1938 kam für mich ein besonderes Jahr.

Alle armen und unterernährten Kinder wurden Kinderland verschickt. Im März 1938 kam ja der Hitler ins Land.

Hier nochmals einen kleinen Rückblick:

In den Ferien musste ich schon als kleines Mädchen (7 Jahre alt) zu meiner Tante nach Salzburg, da musste ich alle Arbeiten tun, die so anfielen. Besonders Onkels Schuhe putzen, er war Offizier und die mussten besonders glänzen und wurden immer einer Kontrolle unterzogen.

Am Haus der Tante führte direkt die Glan vorbei, da waren so kleine Bretter wo man sich hinkniete und Wäsche schwemmte oder sonst was machte. Ich fiel gleich zwei mal hinein und hatte panische Angst vorm Wasser.

Was ich aber damals noch erlebte, meine Grossmutter, eine schöne alte Frau, hatte auch in Liefering bei Salzburg ein Haus und einen schönen Garten dazu. Ich besuchte sie so oft es nur ging, da war auch noch Tante Kathi, die sehr nett war.

Aber nun zu dem Erlebten, es war eine böse Zeit damals, bevor der Hitler kam, da gab es die Heimwehr, die ganz in der Nähe der Grenze standen, es wurde viel geschossen und es kam nicht selten vor, dass auf Grossmutters Hausbank verwundete Soldaten hingelegt wurden, es war nämlich auch die Gendarmerie im Haus. So bekamen wir auch sehr viel aus dieser bewegten Zeit mit. Eines ist mir noch gut in Erinnerung. In Freilassing war ein Scheinwerfer, der das ganze Grenzgebiet immer wieder ableuchtete und der immer im grossen Bogen über unser Haus schwenkte, ich hatte den Eindruck er wollte sagen, kommt‘s rüber, kommt‘s rüber. Dies nur nebenbei, es war die Einbildung eines 7 -8 jährigen Mädchens.

Ja und so gingen auch die Ferien vorbei, in denen ich immer viel arbeiten musste, wo ich aber auch viel erlebte, manch gute aber auch viel schlechte Erfahrung machen musste.

19.01.1992

Jetzt habe ich lange Zeit in meinem Rückblick unterbrochen. Inzwischen kam ich von der Kur in Bad Hofgastein heim Zu Hause hatte ich dann bis ein paar Tage vor weihnachten eine Baustelle. das Bad wurde neu ausgekachelt und viel erneuert, unser Neffe der von Beruf Ofensetzer und Fließenleger ist, hat uns das gemacht. Dann kamen heuer besonders viele Feiertage, die für die vielen Sportler sehr gut waren, da wir endlich wieder mal einen herrlichen Winter hatten. Rodeln und Schifahren ging prima und so tummelten sich so viel Leute wie schon lange nicht mehr auf den Pisten. Gast- und Hüttenwirte hatten kaum zum Schnaufen Zeit.

Sylvester verbrachte ich wie immer bei meinem Sohn auf der Alm, wo ich zwar nicht mehr so viel arbeite, sondern mich mehr um den Nachzügler, den Martin kümmere. Mein armer Mann muss schon jahrelang allein ins neue Jahr rutschen. Inzwischen macht es ihm aber nichts mehr aus.Wir sind ja jetzt zwei Monate ganz für uns und er braucht mich mit keinem zu teilen.

Seit zwei Tagen sind wir hier auf Cypern wo wir acht Wochen bleiben werden. Franz hat es wieder einmal bestens erwischt, das Hotel ist sehr gut und wir haben ein wunderbares Zimmer mit Blick auf‘s Meer und die Königsgräber, die östliche Seite mit Blick auf die Altstadt von Paphos – Sonnenauf- und Untergang vom Balkon aus, herrlich. Wir hatten auch einen sehr ruhigen und guten Flug. Das Wetter ist bestens.

Eines möchte ich zu meinem Ferienaufenthalt noch sagen, es ging mir gut, wir hatten genug zu essen  – ich wohnte in einer schönen Villa und wurde immer neu eingekleidet. Onkel Edi, den mochte ich am wenigsten, der musste mit mir immer rechnen üben und da war ich sehr schwach, er frotzelte mich dafür immer, das hab ich ihm nie verziehen.

1938 als im März der Hitler eimarschierte, wurde auch die Zeit besser, die Leute, so auch mein Vater bekamen Arbeit, somit konnte Mutter auch besser einkaufen und wir konnten uns wieder zu Hause aufhalten. Mein Vater war Hahnenschwanzler, ja so sagten wir damals, so hieß dieser Verein, sehr harmlos, Vater marschierte und sang gerne und fühlte sich froh in seiner Uniform mit der Hahnenfeder auf dem Kappl.

Eines Tages, ich war wieder einmal mit einer Schulfreundin auf dem Bauernhof zum Übernachten, hab beim Kalblziehen geholfen und habe mir dabei ein riesiges Eck aus meinem Rock gerissen und musste noch vor der Schule einen Sprung nach Hause um mich umzuziehen. Hatte ja sehr Angst die Mutter würde böse sein, aber es gab schlimmeres. Mein Vater lag im Bett und sah fürchterlich aus. Hat doch ein illegaler Nazi, als er ihn beim Labacher vorbei gehen sah, Vater einen grossen Topf mit heissem Wasser über den Kopf geschüttet. Meinem Vater, der nie jemandem was getan hat, nur weil er eben kein Nazi, sondern Vaterlandstreu war. Ja so viel Hass war auch damals schon unter den Menschen. Vater litt sehr lange daran, es waren Verbrennungen dritten Grades und die Narben im Gesicht blieben immer. Als die Nazis dann einmarschiert waren, sperrte man viele Leute die nichts taten als Treue dem Staat bezeugten, ein. Meine Lehrerin war auch dabei, auch meinen Vater wollten sie holen. Gott sei Dank, war er nicht zu Hause und später hat sich dieser rachsüchtige Fanatismus ein bisschen gelegt und man hat wirklich nur die geholt, die eben mit der Verwaltung oder dem Staat amtlich zu tun hatten und natürlich jene, welche Nazis angezeigt hatten.

Im Juli 1938, Meine Schwester und ich waren gerade 13 Jahre alt, fuhren wir mit der Kinderland Verschickung nach Mitteldeutschland. 

Die Fahrt war ein Riesenerlebnis, ich weiss noch, es war Vollmond und der fuhr immer mit uns – eine grosse rote Kugel – es war ganz toll! Die Reise war sehr lang, es war ja ein Sonderzug und es kamen immer neue Kinder dazu. 

Für meine Schwester, die ja noch nie von zu Hause fort war, war es ein grosser Schmerz, als man uns trennte, sie kam nach Rothenburg an der Fulda, und ich fuhr noch 50 bis 100 km weiter,so genau weiss ich das nicht mehr. jedenfalls lud man mich und zehn andere in Homberg Bezirk Kassel aus. Ein schönes Städtchen. Alle fuhren nach sechs Wochen gerne wieder heim, ich aber blieb ein Jahr dort. Die Leute hiessen Gude, hatten ein Gasthaus in der Bahnhofstrasse und einen zweijährigen Sohn, Karlheinz. Es war ein goldiger Junge, den ich beaufsichtigen musste, weil seine Eltern ja so wenig Zeit hatten. 

Tante Hermine und Onkel Justus wie ich sie nennen musste, waren gute Menschen, besonders aber die Tante hatte es mir angetan. Eine wunderbare Frau mit einem dicken Goldblonden Zopf um ihren Kopf, das erinnerte mich wohl an unsere Frauen zu Hause. Ich war da wie die Tochter. 

Ein grosser Garten war da, eine Kegelbahn gab‘s, die Kegelbrüder kamen jeden Donnerstag, da musste ich immer Frikadellen heraus braten und sie um 9 Uhr mit Brötchen in die Kegelbahn bringen. Bis dahin hatte ich noch nicht mal gewusst, dass es so was gibt, aber die schmeckten wunderbar. 

Meine erste platonische Verliebtheit hatte ich auch da. Nebenan hatten die Post Schaföre immer ihre Autos stehen, für einen davon schwärmte ich, immer wenn er Dienst hatte, schlich ich mich in seine Nähe – er ahnte natürlich nichts.

Als ich den Eltern mal schrieb, erzählte ich auch von meiner Liebe, gab freilich ganz schön an. Dabei setzte ich einen Satz ein, den ich damals hörte und der mir so gut gefiel. „Im Dunkeln ist gut munkel.“ Meine Mutter war entsetzt und gleich kam ein Moralbrief, sie konnte ja nicht wissen, das alles nur überspannte Fantasie einer  13 jährigen war.

Es waren die ersten Weihnachten, die ich so weit entfernt von Eltern und Heimat verbrachte, es war schon ein bisschen seltsam, alles war so anders es wurde kein „Stille Nacht Heilige Nacht“ gesungen, sondern über einen grünen Baum und eine uralte Mär.

Onkel Justus war ein grosser Naziführer und SS Mann. 

Da ich aber kein Kind der Traurigkeit war, habe ich auch dieses Fest gut überstanden, mich über die Geschenke gefreut, die es natürlich auch gab.

Tante Hermine war schwanger und freute sich sehr auf das Kind, ich auch!

Eines Tages war es dann soweit, sie entband im Haus. Leider war für mich die beste Zeit dann vorbei.

Onkel Justus war ein Bock und hinter jedem Weiberkittel her. Als nun Tante im Wochenbett lag, lauerte er mir in jeder Ecke auf. Dies war für mich fürchterlich, da ich ja noch sehr jung war und grosse Angst hatte. Auch vererhrte und liebte ich Tante Hermine sehr und wollte um keinen Preis, dass man ihr weh tat.

Ich schrieb also nach Hause, man sollte irgendwas erfinden, damit ich heim konnte, denn auf die Dauer konnte ich mich kaum gegen so einen Lackel von Mann erwehren.

Inzwischen hab ich noch was blödes gemacht, meine schönen langen dicken Zöpfe abgeschnitten. Das Küchenmädel schnitt mir abends im Wohnzimmer mit einer stumpfen Schere den ersten Zopf schön lang ab. Auf einmal hörten wir was, jetzt liefen wir mit der Schere und Zopf hinaus auf‘s Clo, da sägten wir weiter, ganz schief, ich sah aus, traute mich tagelang nur mit einem Kopftuch durch die Gegend. 

Bis eines Tages die Tante sagte, warum ich immer das Kopftuch auf hätte, da musste ich Farbe bekennen, durfte aber zur Strafe vorerst nicht zum Friseur.

Der Onkel liess nicht locker mit seinen Begierden und ich konnte die Nachricht kaum mehr erwarten, als sie dann kam war Tante Hermine so bestürzt und traurig und fragte  immer warum. Doch ich konnte ihr den wahren Grund ja nicht sagen.

So fuhr ich dann im Mai oder Juni 1939 wieder in die Heimat. Leider durfte ich nicht ohne Begleitung fahren und wie zum Hohn, war es Onkel Justus der mich heim brachte. „Aber lange Rede kurzer Sinn“ er hat mich nicht rumgekriegt, aus Wut setzte er mich in Salzburg in den richtigen Zug der mich bis Golling brachte, von dort ging‘s mit dem Autobus bis Abtenau, wo ich den Anschluss nach Annaberg nicht mehr erreichte und ich mit all meinem Gepäck bei Regen und Wind 9 Kilometer zu Fuss gehen musste. Um 12 Uhr nachts weckte ich meine Eltern, die waren sehr glücklich und überrascht, dass ich alleine ankam.

Einige Zeit blieb ich zu Hause und genoss wieder einmal die Liebe und Güte meiner Eltern.

Im September ging ich dann für ein Jahr nach Berchtesgaden in den Haushalt. leider starb nach vier Wochen die Frau des Hauses, das hieß für mich den ganzen Geschäftshaushalt zu übernehmen. Der Chef lernte mir vieles beim Kochen, es waren auch zwei Kinder da und so halfen wir zusammen so gut es ging.

Da ich immer den Drang hatte, neues zu sehen und zu erleben, zog ich zum Leidwesen der Kinder, überhaupt der Familie wieder weiter.

Ich wollte Kindergärtnerin werden. Dazu musste ich erst das Pflichtjahr machen, man konnte wählen, entweder kinderreiche Familie oder Bauernhof, ich wählte letzteres.

Ein Grossbauer war das, wir das Gesinde hatten ein eigenes Wohnhaus. Oft war es recht lustig. Ich musste im Stall und auf dem Feld helfen. Was mich sehr erstaunte, wir bekamen morgens Milch oder Brennsuppe um halb sieben in den Stall hinaus. Wir mussten sehr früh aufstehen und konnten erst ins Haus frühstücken, wenn wir mit der Stallarbeit fertig war waren. Was mich immer sehr aufregte, kam die Suppe in den Stall, waren gleich die Hühner dran. Einmal habe ich dann mit der Mistgabel eine erschlagen, und hatte eine Woche Angst, dass es aufkam.

Die Resi (Stalldirn) und ich, ließen sie verschwinden, ihre Mutter, die nicht weit wohnte, hat uns eine wunderbare Malzeit daraus zubereitet. Eine zeitlang fürchtete ich nur Seppei den Polen, der den Mord auch mitbekommen hatte, dass er mich verraten würde, aber er hielt dicht.

So ging ein halbes Jahr gut vorbei, trotz schlechter Verpflegung war ich gerne dort. 

Aber eines Tages bekam ich mit dem Bauern Streit, er lachte mich aus als ich ihm sagte ich fahr in die Stadt zum Arbeitsamt und beschwer mich über ihn (er war ein mords Parteiboss) da hatte man nicht viel zu sagen. Ich fuhr trotzdem, damit ich so schnell nicht mehr zurück musste, legte ich mich einfach ins Landeskrankenhaus und liess mir die Nasenpolypen und Rachenmandeln herausnehmen und dann ging ich nach drei Wochen wieder auf‘s Amt. Alles setzte ich durch, ich brauchte nur noch meine Sachen abholen und meinen Platz wechseln. Ungern weil es so nett war, aber dem Bauern zum Trotz habe ich meinen Kopf durchgesetzt.

Abtenau war meine nächste Station. Au1 Kreilbauer, ein Familienbetieb. Bäuerin allein und zwei kleine Kinder, ich machte den ganzen Haushalt, auch Feldarbeit natürlich, wir verstanden uns prächtig, ich blieb auch länger als ich sollte, weil mir die Sanna, so hiess die Bäuerin, so leid tat. Mann und Knecht waren ja im Krieg ….

Hier endet die Erzählung unserer Mutter, schade, es wäre bestimmt noch sehr spannend und leider aber oft auch tragisch weiter gegangen. Es war schön und berührend einen Teil ihrer Kindheit erfahren zu dürfen.

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